Scarpa Vapor V
2.074 Wörter
Kletterschuhe Scarpa Vapor V im kurz Test
Mal wieder ein neuer Scarpa Kletterschuh
Vorgeschichte
Seit Stix, Mago und Booster, mag ich Scarpa Kletterschuhe, ich mag sie sogar sehr. Was ich nicht mag ist das Weiten des Schuhs und Haltbarkeitsprobleme des Obermaterials über den großen Zeh. Dort bekamen alle genannten bei mir nämlich gerne einen Loch und zwar bevor die Sohle verschlissen ist.

Die Optik ist eher Schaf als Wolf…
Trotzdem – Scarpa bleibt für mich der Kletterschuhhersteller, der sich am meisten bemüht anatomisch geschnittene, komfortable Kletterschuhe für höchste Performance Ansprüche herzustellen. Deshalb überraschte mich die Menge an neu erschienenen Modellen dieser aufstrebenden Firma nicht. Sehr schade fand ich die Tatsache, dass Scarpa Spectro, den ich als eine weniger zehenbrechende Alternative zu Anasazi ansah und immer gerne haben wollte, nicht mehr hergestellt wird und durch die Vapor Lace ersetzt werden sollte. Die meisten Blumen bekam Scarpa Vapor V(elcro) ab und so entschloss ich ihn auf die Wunschliste zu schreiben.
Die erste Recherche brachte mir die Information auf die ich gewartet hatte: Vapor V passt gut an die breiten Füße. Dann las ich noch, dass diesen Schuh Komfort und gute Performance auszeichnen, eine Parole der ich jedoch erstmal nicht über den Weg getraut hatte. Mit Vapor V hat Scarpa denke ich einen Äquivalent zu Katana und Anasazi VCS/Galileo schaffen wollen. Aber ist es auch tatsächlich gelungen?! Diese Frage kann ich naun nach einem ergiebigen Dauertest beantworten.
Optik, Verarbeitung
Ganz ehrlich: keiner der neuen Scarpa Schuhe hat mich optisch vom Hocker gehauen. Ich möchte nicht soweit gehen und behaupten, dass Scarpa angefangen hat hässliche Schuhe zu produzieren, aber nach dem tollen, einfallsreichen und aggressiven Designs der Steep-Line (Stix und co.) war ich enttäuscht als ich die neuen Modelle sah. Objektiv betrachtet ist der Vapor V zu größten Teilen orange. Die Zehenbox ist dabei weiß/grau, die auf der Schuhinnenseite beidseitig befestigte Zunge ist schwarz und besteht aus atmungsaktiven Meshgewebe, das grau der Zehenbox „läuft“ über die Umrandung der Zunge weiter und bildet einen grauen Rand am Schaftabschuss. Kein Downturn, keine besondere Zehengummierung, relativ einfache Fersengummierung und Doppelter Klettverschluss a lá Katana runden das Bild ab. Auf mich wirkt dieser Schuh ziemlich langweilig, es fehlt einfach, das gewisse etwas. Ich denke mit ein Paar kleinen Details hätte man da einen cooleren Look hinbekommen…

Die schlitze sind nett gemeint, lindern den Schmerz eher schwach. Die Qualität ist dagegen 100& überzeugend!
Die Verarbeitung ist dagegen tadellos, es gibt nichts auszusetzen an der Sohle, Nähten und Verklebungen. Der Gesamteindruck ist wirklich solide, nicht sonderlich filigran aber ausgewogen – genau richtig für ein Kletterschuh welcher für alle Gelegenheiten zu gebrauchen ist. Mittlerweile gefällt mir die Verarbeitung von Scarpa sogar besser als die von La Sportiva, da sie einfach sehr sauber ist und extrem zuverlässig wirkt. Ich neige dazu mich bezüglich der Lobeshymnen auf die Verarbeitung zu wiederholen. Das liegt daran, dass die Qualität meiner Favoriten: Five Ten, Scarpa und La Sportiva einfach nur vollkommen überzeugend ist und auf einem hohen Level anzusiedeln ist.
Konstruktion

Aufbau ist äußerlich nichts neues
Die Konstruktion ist äußerlich eher klassischen Natur. Durchgehende Sohle, ohne nennswerten Downturn, mit ganz leichten Vorspannung im längs Fußgewölbe, zwei entgegengesetzt schliessende Klettverschlüße, keine besondere Zehenboxgummierung. Die genannten Merkmale und die optisch wahrnehmbare Form passen auch zum Erscheinungsbild des La Sportiva Katana. Die Sohle besteht aus Vibram XSGrip2 und ist ca. 3,5mm dick. Die Einstiegsöffnung ist großzügig geschnitten, die Zunge ist gut gemeint, beim Anziehen verkantet sie sich bei mir an den Außenecken und kostet extra Fummelei. Trotzdem ist das Rein und Raus kein Problem. Der untere Klettverschluss ist genau so gummiert wie beim Booster und Feroce. Die Klettverschlüße machten auf mich einen deutlich besseren, aggressiveren Eindruck (Das öffnen kostet deutlich mehr Kraft als bei meinem letzten Booster im Neuzustand) und hafteten sehr ordentlich, was auf eine längere Lebens- und Funktionsdauer als bei den o.g. Kletterschuhen hoffen lässt. Die Ferse ist traditionell gummiert, sie wirkt wie eine gestrafte Spectro Ferse und kommt der Miura Ferse sehr nah – Prima! Etwas negativ bewertete ich, die Tatsache, dass an der Ferse aufgeklebte Sohlenende seitlich nicht schräg genug abgeschliffen wurde, so dass eine deutliche Kante vorhanden ist. Dies kann aus meiner Sicht zum Problem des schnelleren Ablösens dieser Gummierung führen, wenn man beim Hooken sich zu sehr in dieser Kante reinhängt. Da hätte Scarpa einen Beispiel an der Ferse von Miura VS nehmen können, oder gleich wie Edelrid zur voll Gummierung greifen. Aber alles nicht so dramatisch…

Die nervige Zunge verkantet sich leicht beim Anziehen
Die Anziehschlaufen sind super – breit, dick genug, sinnvoll positioniert und vernäht (keine Druckstellen auf die Achillessehne wie beim Ansazi Blanco). Der Schuh ist wieder eine Mischung aus Lorica (Zehenbox) und Leder (im restlichen Teil). Der Kletterschuh ist schon ordentlich mit Gummi umspannt (ähnlich wie Feroce), was – so denk ich – ein grenzenloses Weiten einschränken wird. Die größte und wirkungsvollste Innovation stellt das Slingshot- System dar. Man kann es zwar nur an der stark vorgespannten Ferse wahrnehmen, es wirkt sich jedoch ungemein auf die Performance aus – dazu gleich mehr. An sich ist der Schuh keine Weltneuheit, aber auf den zweiten verliebt man sich in die Details, denn die tragen extrem zu Funktionalität bei.
Passform und Größe
Die Größe ist etwas anders als beim Booster und Stix. Hatte ich im Booster 41,5 EU (7,5 UK) und musste anfangs deutlich leiden, so passte mir beim Vapor V die Größe 41 EU auf die gleiche Art und Weise. Die 41er Vapor´s sitzen sehr eng (genug) – eine kleinere Größe könnte ich nicht verwenden. Dieses Scarpa Modell stellt die Zehen nicht so radikal auf und bietet eine geräumige und nicht zu schmale Zehenbox , was ein Segen für meinen und jeden normalen bis breiten Fuß ist. Zu Geräumigkeit kommt noch das gemütliche Lorica hinzu. Auf diese Weise entsteht ein wirklich erstklassiger Komfort, den man weder mit Katana noch mit Anasazi VCS/Galileo vergleichen kann. Ich würde sogar so weit gehen und Vapor zum bequemsten Velcro den ich bis jetzt probiert hatte erklären. Vapor V passt mir in 41 EU zwar eng aber wirklich sehr gut. Er tut anfangs an einer der kleinen Zehen zwar weh, das gab sich jedoch zum Glück mit der Zeit.

Vapor ist breiter als Miura – wie man sieht
Selbst die Ferse, die bei Scarpa bis jetzt immer zu breit war und zu viel Luft hatte, passt mir beim Vapor V gut. Sie kommt ziemlich nah an Miura VS ran, ist dann aber doch ein Tick voluminöser und hat mehr Luft in der Spitze unten, als die Miura Ferse. Ein Manko der bequemen Passform stellt der Hotspot an der Achillessehne dar, welcher durch das steile und kräftige Fersengummi zustande kommt. Für längere MSL Routen wäre 41.5 wahrscheinlich besser und entspannter für die Füße. 41 EU ist dafür deutlich performativer und für meinen normalen Gebrauch (7er, 8er UIAA)** sehr in Ordnung. **
Menschen mit schmaleren Füßen, und niedrigem Fußvolumen würde ich die (blaue) Damenvariante empfehlen, denn Vapor ist aus meiner Sicht kein Kletterschuh für **schmale **Fußformen. So breit und voluminös wie Booster ist er jedoch nicht. Der Schnitt der Zehenbox dürfte allen Zehenformen passen. Mir passt Vapor V jedenfallsentspannter, als Miura VS, Booster, Katana oder Galileo – dieser Leisten ist wirklich nah an der Komfort-Leistung Synthese.

…ist fast perfekt
Performance – wie klettert sich der Scarpa Vapor V
Schon lange war ich von einem Kletterschuh der Performance wegen derart angetan wie beim Vapor V. Noch heute nach 4 Monaten harten Einsatz am Fels und in der Halle, bin ich immer wieder überrascht, wenn ich mit dem Vapor V frontal auf etwas mieses Steige und die Zehen etwas anspanne. Der Schuh hält wie angenagelt auf dem Tritt und ist lediglich bei sehr komplexen Tritten mit wenig Fläche etwas zu steif, so dass der Formschluss nicht immer optimal gelingt. Auf den „** normalen**“ Tritten in Kochler 8ten hebt der wirklich super! Gibt genügend Rückmeldung und entfaltet wirklich ungeahnte Kräfte frontal auf der Spitze stehend. Ich glaub ich hatte noch nie einen Schuh mit dem ich so ein gutes Gefühl beim frontalen Steigen hatte!!!! Wirklich phänomenal – und das bei diesem komfortablen Schnitt.

Frontal überall super stark. Lediglich Dächer sind nicht seine Stärke
Ein Nachteil hat das Slingshot System jedoch – auf der Innen- und Außenkante hat man leider nicht das gleiche super gute Gefühl der Sicherheit wie auf der Spitze. Man kann zwar stehen ohne Abrutschen aber es fühlt sich irgendwie schwammiger an, als frontal. So was hatte ich noch nie gehabt, komisch, ist aber so..!
Die Sohle ist mittel hart und entspricht in etwa dem Katana (denk ich…). Da der Downturn kaum ausgeprägt ist, fällt mich das Ziehen an den Tritten im stark überhängendem Gelände selbst nach dieser langen Zeit in der dieser Kletterschuh im Einsatz ist nicht so leicht, wie mit dem nach unten gebogen Spezialisten. Dennoch die Performance in diesem Bereich ist immer noch sau gut wenn es darum geht ein kleines positives „auf zu pinchen“.

Beim hooken habe ich NICHTS auszusetzen!
Das Hooken ist dank der Fast-Miura-Ferse nahezu perfekt für einen Kletterschuh dieser Performance Klasse. Im Fels konnte sowohl auf Reibung, als auch größeren Leisten super dran bleiben (6c fb Boulder) und auch am akrobatischen Plastik hielt bis jetzt alles tadellos.
Toe Hooks sind okay. Durch die nicht ganz so hohe Zehenbox, kann man die Zehen einigermaßen anheben und somit leicht klammern. Eine Zehengummierung wäre spürbar besser, denn dann würde erstens das nicht ganz so abriebfeste Lorica schonen und zweitens extra Grip bedeuten.
Alles in einem ist die Performance sehr gut und überall recht ausgewogen. Ob in der Sandstein Platte, auf dem Kocheler Speck oder miesen Spax in der Halle enttäuschte mich Vapor V nie und war selbst in längeren Routen von Beginn an gut erträglich ohne einer längeren Einkletterzeit.
Haltbarkeit

XS Grip 2 reibt super – keine Frage – ewig haltbar ist anders…
Da die Schwachstelle (Obermaterial über dem großen Onkel) beim Vapor gummiert ist, hoffe ich, dass Löcher in diesem Bereich nun der Vergangenheit angehören werden. Setzt man öfters Toe-Hooks mit der ganzen Zehenfläche, so können die besagten Löcher jedoch an den durch die Knöchel verursachte Hügeln entstehen. Die Haltbarkeit der XS Grp 2 Sohle ist in Ordnung und sehr faire. Ich müsst lügen wenn ich behaupten würde, dass XS Grip 2 mir abriebfester vorkommt, als XS Grip. Fakt ist, dass die Kante an der Spitze des Vapor V nach einem Wochenende in Zillertal und einem Besuch an den bissigen Wänden einer Kletterhalle recht schnell rund waren. Ein Loch oder ähnliches erwarte ich bis zum Ende des Jahres nicht, obwohl die Sohle ca. zu Hälfte verschliessen ist.
Der Schuh wird auch nicht schwammiger, sondern bleibt exakt und präzise beim Treten. Eine wirkliche Dehnung kann ich auch nicht verzeichnen. Leider ist der Druck auf die Achillessehne nicht verschwunden. Auch die Fersengummierung hat sich zwar vieler intensiver Hooks bis jetzt nicht abgelöst, was mich wirklich sehr positiv stimmt. Diese positive Stimmung wird auch durch die immer noch griffigen Klettverschlüße unterstützt. So dass von der Passform über die Performance, bis hin zu Haltbarkeit nur positives zu berichten ist.
Empfehlung/Einsatzbereich

So sieht ein Wolf im Schafspelz aus!!!
Vapor V wird als Alleskönner angepriesen (Alpin, MSL, Sportklettern, Bouldern, Plastik). Nach meinen bisherigen Erfahrungen beim Bouldern und Routen Klettern kann ich diese Aussage uneingeschränkt bestätigen. Leider kann ich mir gemütliches Klettern von vielen langen Seillängen mit diesem Schuh nicht vorstellen. Schuld daran ist die besagte Druckstelle am Heck. Schade!!! Auch ist die Sohle für große Wände für mein Geschmack und Gewicht etwas zu weich. Den Vapor V nehme ich überall mit hin egal ob zum moderaten Bouldern nach Franken oder zum Routenklettern. An ein Auslatschen für den alpinen Einsatz glaub ich jedoch mittlerweile nicht mehr. Wer also einen echten Allrounder a la Katana und Anasazi VCS sucht wird hier definitiv finden.
Fazit

Dieser Kletterschuh hat es einfach drauf – Bravo Scarpa!
Meine Begeisterung für diesen Schuh ist unverändert groß. Er passt gut meinem recht breiten Fuß, ist verhältnismäßig bequem und bringt ungeahnte Leistungen in nahezu jedem Neigungswinkel. Da die Haltbarkeit für den Preis auch vertretbar ist, kann ich diesen Schuh uneingeschränkt empfehlen. Ich finde Vapor V so toll, dass ich mir demnächst einen Vapor Lace zulegen werde, von dem ich noch mehr Unterstützung durch die härtere Sohle erhoffe. Wie man es nimmt – der Schuh ist bis auf die Druckstelle im hinteren Teil Primaklasse!
Weitere Informationen:
Scarpa Vapor V Review Dave MacCleod (engl.)
Testbericht Scarpa Booster
Größenvergleich der Kletterschuhe
Fußform und Passform