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Kletterschuhtest

Scarpa

Mago

DauertestÜber Monate geklettert, mit Urteil zu Haltbarkeit

Scarpa Mago

2.116 Wörter

**_ Der Magier für Spezailfälle im Test_ **

_ Kletterschuhe und Kletterkönnen Teil V_

Das zweite italienische Intermezzo oder die Kletterschuhe  Scarpa Mago im Test

_Nicht von der Bananenform abschrecken lassen!

Parallel zu den Schmerzen und dem unsensiblen Stehen mit Miura kam der Sinneswandel nach dem Motto: „Füße in engen und unpassenden Schuhen zu vergewaltigen bringt nichts“. Ausgelöst wurde es durch den Fall eines Kletterfreundes, der durch das jahrelange Tragen von (zu) engen Kletterschuhen ein ** Ganglion_ **am Zehgelenk bekam. Diese „rosige“ Aussicht veranlasste mich schließlich in Arco nach Alternativen zum Miura zu suchen. Ich probierte ** Mythos**von La Sportiva aber der als Komfortwunder angepriesener Alpinklassiker passte mir überhaupt nicht bei den Zehen, und zwar unabhängig von der Schuhgröße. Ich probierte La Sportiva ** Testarossa**, der mir zu unbequem erschien und zu dem zu weich beim frontalen Antreten im Geschäft war. Ich probierte ** Anasazi Verde**, der nicht im Ansatz bei den Zehen passte und daher als Anschaffungsvorhaben sofort verworfen wurde. Der Verde hat nichts mit der _ Passform_ von dem „Anasazi Pinki“ zu tun, begeistert dennoch eine Masse an Kletterern mit der ägyptischen _ Fußform_.

_Ein optischer Leckerbissen

Schließlich kam ich darauf neue Scarpa Modelle zu probieren: ** Booster**, der an den Zehen zu drücken schien, ** Stix**, der zwar nicht ganz hauslatschig daher kam, aber ein verdammt gutes Trittgefühl zeigte und Mago den Schnürer, der bis dato der Bequemste und dem Passformoptimum sehr nahe stehendes Modell war, jedoch beim Antreten nicht die gleiche Qualität bot wie der Stix. Hin und her gerissen kaufte ich im Urlaubskaufrausch den Mago (wegen der Passform) und den Stix (wegen der Performance). Bei der Größe wählte ich die 42,5 ein Maß, bei dem ich keine Eintragezeit benötigte und sofort loslegen konnte. Im nach hinein hätte ich diesen Schuh wegen der späteren Dehnung in 41.5/42 kaufen sollen. Beide Schuhe (sowie alle Schuhe der Steep Line von Scarpa) sind typische „** out of the box**“ Schuhe, d.h. man kann sie nach dem Kauf sofort benutzen ohne sich Gedanken, ums einklettern zu machen. Diese Schuhe bringen sofort ihre volle Leistung (evtl. sogar die beste Leistung ihrer „Karriere“).

Fürstl sein Erbe stellte Mago auf ein Harte Probe

Bequemlichkeit halber kam der Mago als Erster zum Einsatz am Fels. Seine „** Feuertaufe**“ erhielt er in Sparchen, das für Fußarbeit betonte technische Kletterei bekannt ist. Von Anfang an war ich wirklich total begeistert von diesem Schuh. Er saß an dem Fuß wie eine Socke, genau so wie vom Hersteller angepriesen … Mago ist ein Kombi aus Leder und Lorica – einem synthetischen Material, das weich und anschmiegsam ist und sich nicht dehnen soll. Lorica ist (wie mittlerweile in vielen La Sportiva und Scarpa Modellen der Fall) in der Zehenbox verbaut und sorgt dafür, dass die Aufgestellten Zehen an den Knöchel deutlich weniger Druck und somit Schmerzen erfahren müssen. Es fühlt sich eben wie eine neoprenartige Socke an und sollte die Beständigkeit der Schuhform garantieren.

Die Sohlen Konstruktion und die bullige, weite Ferse

Die Zehenbox ist sehr geräumig und passte wirklich perfekt zu meinem breiten Vorderfuß. Die bananenartige, stark asymmetrische Form war erstaunlicherweise superkomfortabel. Der Schnitt des Schuhs ist bis auf die sehr starke Vorspannung nahe zu ergonomisch, ein Ergebnis der Ausrichtung der Designer an der Optimierung der Kraftübertragung unter Berücksichtigung der menschlichen Anatomie. Damit schafft Scarpa aus meiner Sicht als erste Firma den Spagat zwischen dem (Sofortigem!) Komfort und Performance beim Antreten und Kraftübertragen. Die unterschiedlichen Fußvolumen können ohne Probleme mittels der ebenfalls asymmetrischen, alles andere als schnellen, Schnürung im Schuh sicher verstaut werden. Den mittlerweile größer gewordenen Mago trage ich nur deswegen heute noch, weil ich das Ergebnis der recht starken Dehnung (auch in der Zehenbox) mit der Schnürung noch einigermaßen ausgleichen kann.

Die Zunge kann zwar unten verrutschen, an sich aber TOP

Die Ferse war dagegen viel zu bullig und hatte ganz viel Luft an beiden Seiten und unten an der Spitze der Ferse – keine rosigen Aussichten auf gute Hookeigenschaften. Die Vorspannung der Magos ist wirklich stark und wurde im Laufe der Zeit nur geringfügig weniger. Ein Phänomen, das ich so bei anderen vorgespannten Schuhen bis jetzt nicht beobachten konnte. Die Konstruktion und Form des Schuhs erinnert stark an den Testarossa von La Sportiva, was sicher an dem gleichen Designer der beiden Schuhe liegt. Jedoch besitzt Mago eine breitere Zehenbox sowie Ferse und deutlich sensiblere Sohlenkonstruktion. Die Form ist nahe zu gleich, außer das Mago trotz des Asymmetrie den großen Zeh kaum in Richtung der kleinen drückt, sodass die Form deutlich ergonomischer ist.  Die Sohle ist von der Spitze bis zur Ferse nicht durchgehend wie etwa bei Miura, sondern endet mit dem Mittelfuß. Der Rest des Schuhs ist mit den ca. 3cm breiten Gummizügen überspannt, was den gleichen Effekt haben soll wie das Tapen des Fußes bei Verletzungen: Stabilität, Kraftübertragung und Kontrolle. Diese Konstruktion bringt das Greifen mit Zehen in die neue Dimension, denn dank der „flexiblen“ Umspannung des Gewölbes der Fußsohle kann man den gesamten Vorderfuß nach vorne krümmen.

Auf Griffleisten Super – man fühlt jeden Kristal

Die Sohle im eigentlichen Sinne ist auch innovativ konzipiert und umgesetzt. Die Sohle ist in sich relativ steif und hat eine Wölbung, die in das Innere des Schuhs zeigt. Diese stellt den steifsten Bereich der Sohle dar, befindet sich genau unter dem Zehenmittelgelenk des aufgestellten großen Onkels und sorgt für eine wirklich merkliche und effektive Unterstützung. Hier liegt auch das Problem der Größenwahl: Nehme ich einen Schuh bei dem dieses „** Toe Power Support**“ optimal passt, ist der Schuh am Anfang vor der Dehnung super, danach aber etwas zu schwammig durch die Weitung des gesamten Schuhs.

Die Vorspannung der Ferse drückt schon gut ein…

Der Rand der Sohle – also die Kante, auf der man steht ist dagegen relativ weich gestaltet, als ob die stabilisierende Mittelsohle nicht bis zum Rand gehen würde. Dadurch spürt man natürlich alles, was man unter dem Schuh hat, leider auf Kosten der Kantenstabilität. Durch diese Konstruktion kann man nicht nur mit dem Fußgewölbe graben, sondern mit dem Zeh die Tritte aufstellen. Die „kraftvollste“ Stelle der Sohle ist nicht die Kante der Spitze, sondern die Fläche unter dem großen Zeh. Da kann man bei genügend Zehpower unterstützt durch das „TPS“ wirklich einmalige Kraftleistungen erreichen. Das kann man sich wie beim Griefen mit den Händen vorstellen: Greift man mit geschlossenen, durchgestreckten Fingern, kann man nur ganz wenig Kraft aufbringen, dies ist meiner Meinung nach mit dem Treten eines Anasazis vergleichbar. Krümmt man die geschlossene Hand zum Bogen kann man deutlich mehr Kraft aufbringen und ziehen (etwa wie der Evolv Predator oder Talon). Stell ich die Finger der Hand auf, so erreiche ich den besten Kraftschluss. So fühlt sich das Treten/Greifen mit dem Mago an – bildlich gesprochen …_

_Die Ferse ist Schrott – leider

Aus meiner Sicht ein natürlicher Ablauf, der vom Aufbau des Kletterschuhs nicht künstlich entstellt wird und ein intuitives Klettern ermöglicht.Die farbliche Gestaltung ist bekanntlich Geschmacksache, die nicht nur personenbezogen variiert, sondern auch einem zeitlichen Wandel unterliegt. Anfangs fand Unauffälliges grün super, nun mag ich buntere Farben an den Füßen … Die Performance des Magos nach dem Schema „Frontal, Außenkante, Innenkante zu beurteilen ist schwierig und wird dem Schuh (wir im Prinzip jedem Schuh) nicht gerecht. Die erste Tour in Sparchen, brachte sowohl Vorzüge als auch Nachteile an das Tageslicht. Durch die äußerst sensible 3,5mm XSGrip Sohle konnte man wirklich gut auch schwierige, abschüssige, abgespeckte Tritte erfühlen, Kraftschluss herstellen und belasten. Stehen auf kleinen Leisten etc. in der Senkrechten und Platten hat sich dagegen deutlich schlechter angefühlt und brachte ein Gefühl der Unsicherheit, was für eine kleine Enttäuschung sorgte.

Die Vorspannung ist genau richtig

Die mächtige Vorspannung der „grünen Banane“ sorgte bereits nach der ersten Tour im Fußgewölbe für leichte Krampfanzeichen. Die Vorspannung gab nach ein Paar Klettertagen jedoch nach, sodass längere Klettereien kein Thema wurden. Insgesamt kam ich an diesem Tag in Sparchen alles bis 7+ hoch und hatte meinem Kletterpartner nach jeder Tour aufs Neue erzählt wie geil sich dieser Schuh doch anfühlt. Eine herbe Enttäuschung erfuhr ich jedoch in Kochel, entweder wurde die Sohle noch weicher oder die Eigenart der Kocheltritte passte dem Mago einfach nicht, aber im Einstieg von „Muffin Man“ hatte ich einfach keine Chance mit diesem Schuh. Das es nicht an eigenem Können lag zeigte der nächste Versuch mit dem Miura, bei dem plötzlich alles ging. Die Siebener in Kochel bekam der Mago zwar auf die Reihe alles darüber hinaus war für mich nicht möglich.

Perfekt abgestimmter Schuh

In Frankenjura musste ich dann nicht um die Tritt Performance trauern – in der Fränkischen fühlte sich der Zauberer super wohl. Es liegt daran, dass die Fränkische oft kleine aber positive Tritte sowie große „unförmige“ Tritte mit rausstehenden Strukturen bietet. Und das die Wände meist mindestens senkrecht sind. Als Erstes wusste ich Magos Leistungen am populären Weißenstein zu würdigen. Trotz der abgespeckten Tritte hatte ich ein supersicheres Gefühl beim Belasten der speckigen Tritte und rutschte nirgends ab. In meinem Projekt „Dampfhammer“ gelangen mir Fortschritte und selbst im „Akku“ mit der schlechteren Trittauswahl, bei der ich früher mit Miura Probleme hatte, konnte ich unerwartete Weise auf allen Tritten einen optimalen Form- und Kraftschluss (eben durch das Aufstellen des Tritts) herstellen.

gar nicht asymmetrisch wie man von oben immer denkt

Dadurch fiel mir der „Akku“ deutlich einfacher als je zuvor. „Wow“ dachte „endlich habe ich gefunden, was du kannst – Mago!“. Der Dampfhammer wurde nach ein Paar Anläufen bewältigt und Mago wurde zum Kletterschuh Nr. 1 in dieser Zeit. Selbst im Kaiser nahm ich ihn für die Baseclimbs her und profitierte von seinen Eigenschaften und wirklich bis dato einmaligen Komfort. Was Mago gar nicht konnte war das Hooken, die Ferse war mir nicht nur etwas zu groß, sondern ging einfach gar nicht für anspruchsvolle Hooks. Für die meisten Routen hat zwar bei den Hooks gereicht mehr aber auch nicht.

Das Obermaterial nutzt sich schneller ab als die Sohle!

Ein weiterer Wermutstropfen war die Haltbarkeit. Nicht Sohle war hier der Schwachpunkt, denn diese bewährte sich im Unterschied zu den Vorgängern sehr gut. Der Mago wird nach einem Kletterjahr immer noch von mir verwendet, was das doppelte an Lebensdauer eines gleichwertig mit XSGrip ausgestatteten Miuras ist. Bei Mago schwächelte das Obermaterial und zwar an den Punkten wo die Knöchel der Zehen hervorkamen. An diesen Stellen rieb sich das Material stark ab. So stark, dass ich den Schuh schonen musste, damit der große Onke l nicht irgendwann aus dem Loch guckt. So einen „atmenden Onkel“ habe ich bei einem Kletterer im Fall Booster gesehen. Ein Loch im Obermaterial macht eine Wiederbesohlung sinnlos, weil der Schuh, zwangsläufig die Form verliert und dadurch Eigenschaft Kraftübertragung einbüßt.

Präzise und gefühlvoll – geile Zehenbox, geile Spitze

Mein persönliches Problem mit der Konstruktion war zudem, dass die Hühneraugen an den Gelenken der großen Zehen sehr schnell größer wurden, durch die aufgestellte Stellung der Zehen in der Box. Nichtsdestotrotz ist Mago für überhängende Kletterrouten einsame Spitze, was in Deutschland noch nicht so viele erkannt haben. Ich sah bis jetzt so gut wie keinen mit Mago am Felsen, was ich aufgrund seiner Leistungen in der Fränkischen nur mit schlechten/keinen Vermarktung erklären kann. Der Verschleiß der Sohle ist wirklich gering und ermöglicht viele Klettermeter. Die Dehnung sollte einkalkuliert werden, beim nächsten Mal würde ich den Schuh wahrscheinlich in 42 oder 41,5 kaufen.

Trotz der Schnürung ganz nach vorne, wurde an Toe-Hooks gedacht

Die Schnürung funktioniert zwar nicht schnell aber zuverlässig – keine gerissenen Schnürsenkel oder Ösen, und ermöglicht super Anpassung an den Fuß. Was für eine fette Ferse man haben muss, um das Hinterteil des Magos auszufüllen weiß ich nicht, da hat der Heinzim Vergleich zu seiner Arbeit bei La Sportiva deutlich nicht ins Schwarze getroffen. Die Performance ergibt sich aus den anatomisch funktionellen Gegebenheiten des Fußes und lässt ein „Aufstellen“ der positiven Tritte (egal wie klein) zu. Eine gehörige Portion Power bekommt man mit der Zeit auch. Wenn man diese bereits mitbringt, werden die Platten auch nicht so dramatisch sein, eine tick bessere Kantenstabilität würde ich mir jedoch persönlich wünschen.

Fazit_

_Einer der besten ever ever – ohne Mist

Scarpa Mago bittet eine perfekte Passform für breite Füße mit allen möglichen Zehformen. Unvergleichbarer Komfort (eine Socke!). Mago ist nichts fürs Bouldern da dies absolut nicht sein Ding ist. Die Sohle hält aber sehr lange (das habe ich in diversen Gesteinssorten testen können). Super ist deren Funktion: Zeh auf den Tritt, aufstellen und weiterziehen – Top! Ein Schuh für fränkischen Überhänge und Urlaube auf Malle und in Süd Frankreich. Hookerei ist nicht sein Gebiet. Er ist eine etwas sensiblere und spezialisiertere Alternative zum Testarossa.

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Weitere Informationen:

Testbericht Scarpa Stix_

Testbericht La Sportiva Testarossa

**Review von Dave McCleod auf rock+run **